Queerpolitik jetzt!
Solidarität mit den Opfern des Terroranschlags auf den CSD Berlin sowie der queeren Community
Das Braunschweiger Zentrum für Gender Studies (BZG) ist entsetzt über den islamistischen Terroranschlag am Rande des CSD Berlin am 25. Juli 2026 (s. Pressmitteilung des LSVD+). Wir zeigen uns solidarisch mit den Opfern und der queeren Community. Das BZG lehnt Gewalt sowie jede Art von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ab und fordert die Fortführung politischer Maßnahmen zum Schutz queerer Menschen.
CSD & queere Strukturen in Braunschweig
Der Anschlag auf den CSD in Berlin hat die Verletzlichkeit der queeren Community gezeigt. Darum war es ein schönes Zeichen, dass der Braunschweiger CSD am Wochenende trotz erweiterter Sicherheitsmaßnahmen einen neuen Rekord mit mehr als 6.000 Teilnehmenden gesetzt hat.
Der CSD wird wie auch das queere Zentrum Onkel Emma und andere Projekte vom braunschweiger Verein für sexuelle Emanzipation (VSE) e.V. getragen. Mit der Koordinierungsstelle LSBTIQ* stärkt auch die Stadt Braunschweig die queere Community. Organisiert wird hier ein breites Angebot an Aktivitäten und Austauschmöglichkeiten in verschiedenen Bereichen, u.a. zu Bildung, Gesundheit und ein Runder Tisch LSBTIQ* zu wechselnden Themen. Bis in den Novembr 2026 hinein finden noch Workshops in der Veranstaltungsreihe zu „Queerer Sicherheit – Räume schaffen, Hass bekämpfen“. Eine Übersicht von Akteur*innen in Braunschweig bietet der dortige Wegweiser; weitere Informationen finden sich auf der Website der Koordinierungsstelle.
Auf- & Abbau staatlicher Förderung
Das seit 2015 vom Bundesfamilienministerium aufgelegte Förderprogramm „Demokratie leben!“ hat bundesweit eine breite Palette an Aufklärungsprojekten gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gefördert. Mit dem Schpwerpunktprojekt „Hochschule lehrt Vielfalt!“ (2017-2019) war auch das BZG in Kooperation mit der Akademie Walschlösschen beteiligt. Die strukturelle Förderung hat die queere Community gestärkt und zu ihrem Ausbau beigetragen.
Anfang 2026 wurde unter Verantwortung der Bundesministerin Karin Prien das Programm nun plötzlich umstrukturiert. Projekte wurden unerwartet in der laufenden Förderphase beendet. Dieses trifft auch die Fortbildungsreihe „Vielfalt.Kompetent.Lehren.“ für Lehrkräfte der Akademie Walschlösschen im Kooperationsverbund „Selbstverständlich Vielfalt“ für sexuelle, romantische und geschlechtliche Selbstbestimmung, die unter Beteiligung des BZG mit aufgebaut wurde. Die neu festgelegten Förderkriterien enthalten keine Vielfaltsförderung mehr (s. GEW-Stellungmahme). Vielmehr sagt Prien im März in diesem Kontext: „Gesellschaftliche Vielfalt ist grundsätzlich positiv – aber als staatliches Förderziel sehe ich das nicht“ (taz).
Damit zerfällt wahrscheinlich ein Großteil der aufgebauten Unterstützungsstruktur trotz steigender queerfeindlicher, antifeministischer und demokratiefeindlicher Angriffe in den letzten Jahren und des weiterhin großen Beratungsbedarfs, wie 2025 eine Umfrage zeigt.
Politische Herausforderungen
In der Debatte um queere Sicherheit nach dem Anschlag behauptet Prien, queere Menschen könnten sich auf die Bundesregierung verlassen (queer.de). Doch möchte sie diesbezüglich an der neuen Schwerpunktsetzung von „Demokratie leben!“ nichts ändern.
Ihre Konsequenz ist eine Nachschärfung in Bezug auf die Extremismusprävention. Das ist zweifellos ein wichtiges Ziel, denn es bedarf eines klaren staatliches Vorgehens gegen Islamismus. Dieses fordert auch Güner Yasemin Balci, Integrationsbeauftragte im Berliner Stadtbezirk Neukölln, in einem Interview im Deutschlandfunk. Dabei darf es keine Instrumentalisierung des Anschlags für rassistische Ressentiments geben. Balci verweist darauf, dass auch (oder insbesondere) die demokratisch und tolerant gesinnten Muslim*innen von islamistischer Einschüchterung und Gewalt betroffen sind und diesbezüglich unter Angst in enger Nachbarschaft mit der ideologisierten und radikalisierten Minderheit leben. Gleichzeitig werde häufig alle Muslime über einen Kamm geschoren, egal wie ihre jeweilige Haltung zu Demokratie, Akzeptanz und Vielfalt ist. So konstatiert Balci, die Zahl an queerfeindlichen (und antisemitischen) Attacken sei in den letzten Jahren unverändert hoch. Sie berichtet, diese erfolgten durch eine „bestimmte Gruppe von Tätern, die sehr identisch sind mit der Gedankenwelt die man jetzt auch nach und nach bei diesem Täter [des CSD-Anschlages, BZG] recherchiert“; der Kreis der Täter*innen rekrutiere sich aus dem Gedankengut, das etwa in bestimmten Moscheen verbreitet würde, wo auch Kinder ideologisiert und zur „Verachtung gegenüber anderen“ erzogen würden.
Doch die Stärkung der notwendigen Extremismusprävention darf nicht gegen den Schutz und die Rechte marginalisierter Menschengruppen ausgespielt werden. Auch diesbezüglich ist staatliches Handeln dringend notwendig.
Aktionsplan „Queer leben“ fortführen!
Im Zuge der laufenden politischen Debatte erneuern wir insofern unsere Forderung den Aktionsplan „Queer leben“ und wirksame politische Maßnahmen zum Schutz queerer und anderer vulnerabler und angefeindeter Menschengruppen weiterzufördern.
Insofern unterstützen wir die Forderung von 10 Sofortmaßnahmen für queere Sicherheit, die der LSVD+ fomruliert, darunter
- „Verbindliche Gespräche zu politischen Maßnahmen und engere Zusammenarbeit zwischen den Ressorts“,
- „Vollständige Umsetzung der Handlungsempfehlungen zur Bekämpfung homo- und transfeindlicher Gewalt der Innenministerkonferenz“ und
- die „nachhaltige Förderung von Aufklärungsprojekten gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“.


