GeDiMINT-Toolbox
Im Rahmen des GeDiMINT-Projektes bauen wir eine Plattform als Toolbox auf, die sich an den Forschungsschwerpunkten der TU Braunschweig orientiert. Das Angebot wird sukzessive ergänzt durch vom GeDiMINT-Team entwickelte Leitfäden aus den Beratungsprozessen im Bereich des Research Support, Mitschnitte der Gender Dialogues, Erkenntnisse aus den seed-funding-Aktivitäten, Videoprofile von neuen TU-Projekten und beteiligten Wissenschaftler*innen, Erkenntnisse aus dem GeDiMINT-Projekt sowie neuen Material- und Literaturrecherchen.
Neben Informationen zur Relevanzprüfung finden sich hier bisher Fallbeispiele und Materialien.
Informationen zur Relevanzprüfung
Fördereinrichtungen wie die DFG, die EU und die Exzellenzinitiative fragen bei der Antragstellung nach der Relevanz von Geschlechter- und Vielfältigkeitsdimensionen in Bezug auf Forschungsgegenstand und -methode. Damit verbunden ist die Anforderung zu untersuchen, ob und wie Geschlecht und andere Vielfältigkeitsdimensionen in der Forschung von Bedeutung sind, und zu beschreiben, wie dieses im Projektkonzept berücksichtigt wird. Jenseits dessen führt diese Berücksichtigung zur Verbesserung der Qualität der Forschung und trägt zur Exzellenz bei; internaltional gehört es zum Standard.
Hier finden Sie Informationen rund um diese Frage.
Was ist eine Relevanzprüfung in Bezug auf Geschlechterdimensionierung
Das Video gibt einen ersten allgemeinen Einstieg in das Themenfeld und beleuchtet die Notwendigkeit für die Berücksichtigung verschiedener Geschlechterdimensionen – hier mit Bezug zur EU-Förderung. Die Ansprüche diesbezüglich sind mit denen der DFG vergleichbar.
Die Gender-Relevanzprüfung ist eine systematische Prüfung der Fragen, ob und wie Geschlecht inhaltlich und methodisch in Forschungsprojekten bedeutsam ist. Sie unterscheidet sich von der gleichstellungsorientierten Frage, wer forscht; zum Unterschied siehe hier >>.
Die inhaltlich-methodische Relevanz von Geschlecht ist je nach Forschungskontext und -thema unterschiedlich, sodass die Geschlechterdimensionen, d.h. die Berücksichtigung von Geschlecht, jeweils spezifisch zu bestimmen sind. Ziel ist, die Arbeit von Wissenschaft und Forschung „auf die Bedarfe aller Menschen auszurichten und in den Blick zu nehmen, dass die Ergebnisse unterschiedliche Konsequenzen für die verschiedenen Geschlechter haben können“ (BMBF-Ausschreibung Geschlechteraspekte im Blick).
Die auf dieser Seite vorgestellten Checklisten und Materialien sowie Beratungsangebote unterstützen bei der Relevanzprüfung. Das BMBF-geförderte Projekt „Geschlechterdimensionen im Blick der MINT-Forschung (GeDiMINT)“ zielt darauf, die strukturelle Unterstützung an der TU Braunschweig diesbezüglich nachhaltig auszubauen. >>
3D-Betondruck: Ein Beispiel aus der TU Braunschweig
In den MINT-Disziplinen haben viele Forschungsvorhaben keinen unmittelbaren Bezug zu Menschen oder Tieren wie z.B. bei der Entwicklung neuer Rezepturen für Beton. In diesen Fällen spielen Geschlecht oder andere Dimensionen der Vielfältigkeit wie soziale Herkunft und Alter keine Rolle und es bedarf keiner weitergehenden Relevanzprüfung. Doch sobald Menschen oder Tiere als Forschungsgegenstand bzw. Forschungsziel involviert sind oder es potentielle Anwender*innen der Forschungsergebnisse gibt, ist die Gender-Relevanzprüfung sinnvoll. Geht es z.B. um die Mensch-Maschine-Interaktion im Fall eines Beton-3D-Druckers und die Anwendung der Fertigungstechnik in der Bauwirtschaft, sind Geschlechterdimensionen in der Forschung zu berücksichtigen. Viele Fallbeispiele aus der MINT-Forschung zeigen, dass dieses häufiger der Fall ist als gemeinhin vermutet.
Die folgende Grafik illustriert das Ergebnis des Consulting-Gesprächs im Sonderforschungsbereich (SFB) Transregio 277 „Additive Fertigung im Bauwesen“; zum interaktiven pdf geht es hier.

Drei Fallbeispiele aus dem Fahrzeugbau und den Lebenswissenschaften
Die alltagsrelevante Beispiele zeigen, dass die Vernachlässigung der Geschlechterdimensionen in Forschung und Entwicklung gravierende Folgen haben kann.
Crashtest-Dummies müssen alle berücksichtigen
Die Airbag-Systeme waren für Schwangere und den Fötus lange Zeit gefährdend. Crashtest Dummies berücksichtigten zunächst ausschließlich männliche, später dann auch weibliche und kindliche Normkörper; die besonders schutzbedürftigen Schwangeren wurden jedoch erst ab 1996 bei der Entwicklung von Airbags berücksichtigt. Die Vernachlässigung der Vielfalt der Anwender*innen bzw. Nutzenden kann somit Sicherheitsrisiken bergen. Mittlerweile kommen sie in unterschiedlichen Körpergrößen und -formen zum Einsatz, um (Un)Sicherheit im Falle eines Unfalls für unterschiedliche Körper zu simulieren. (vgl. Gendered Innovations – Inclusive Crash Test Dummies)

Acetylsalicylsäure beugt nicht bei allen gegen Schlaganfall und Herzinfakt vor
Aspirin galt als wirksames Mittel zur Vorbeugung von Herzinfakten und Schlaganfällen für alle Bevölkerungsgruppen – untersucht wurden jedoch lange Zeit nur Männer in der Annahme, dass alle menschlichen Körper gleich funktionieren. Durch diese falsche Verallgemeinerung waren weder die Symptome bei Frauen ausreichend bekannt noch eine entsprechende Medikation ebenbürdig erforscht. Heute ist bekannt, dass Geschlechterunterschiede bei den Symptomen und der Medikation berücksichtigt werden müssen (vgl. Regitz-Zagrosek 2014, S. 1070).
Produkte müssen vom Markt genommen werden

Die Ausblendung der menschlichen Vielfalt hat u.a. zur Folge, dass zwischen 1997 und 2000 zehn pharmazeutische Wirkstoffe aus dem Verkehr genommen wurden, darunter acht wegen größerer Risiken für Frauen. Londa Schiebinger nennt Kosten für die Entwicklung eines Wirkstoff von bis zu 5 Milliarden Dollar (vgl. Londa Schiebinger). Damit werden Forschungsgelder verschwendet. Ähnliche Effekte können entstehen, wenn stereotype Annahmen, z.B. über Frauen und Männer in Bezug auf die Anforderungen an eine Technologie in die Produktentwicklung fließen.
Zeitpunkt der Relevanzprüfung
Wann ist eine Relevanzprüfung angebracht? Jederzeit und wiederholt: Neben dem zentralen Moment der Projektplanung ist es wichtig, zu verschiedenen Zeitpunkten die Relevanz erneut in Betracht zu ziehen. Kurz skizziert werden im Folgenden fünf Zeitpunkte.
Vertiefende Informationen und Materialien bieten das Modell „GERD – Gender Extended Research and Development“ (Universität Bremen & Kassel) und die Plattform „Gendered Innovations“ (Stanford University). Diese und weitere hilfreiche Webites finden Sie unten unter „Wissenschaftliche Materialien“ ausführlicher beschrieben.
Einwerben von Mitteln
Die Berücksichtigung von Geschlechterdimensionen ist kein wünschenswertes Add-on mehr sondern gilt als Teil guter wissenschaftlicher Praxis. Dies zeigen Initiativen und Stellungnahmen zur Förderung der Geschlechterforschung verschiedener Drittmittelgeber*innen (v.a. Europäische Union, Deutsche Forschungsgemeinschaft). Es ist damit unbedingt notwendig, sich vorab über Standards der potentiellen Förderinstitutionen zu informieren; der Forschungsservice der TU Braunschweig berät diesbezüglich.
Checklisten und fachspezifische Informationen sind hilfreiche Instrumente für die Konzeption und Antragstellung von Projekten; sie liegen von verschiedener Seite vor u.a. der DFG und Gendered Innovations. Das GeDiMINT-Team hat ebenfalls Leitfäden für die Antragstellung entwickelt.
Der Forschungsservice >> unterstützt mit Informationen über Fördermöglichkeiten aber auch bei der Antragsstellung und der Suche passender Kooperations- und Ansprechpartner*innen.
Festlegen der Forschungsschwerpunkte und Projektziele
Um Anregungen für die eigene Forschung zu bekommen, eigenen sich insbesondere folgende Materialien:
Analyseinstrument GERD
Das GERD-Modell (Gender Extended Research and Development) regt anhand eines umfangreichen Fragekatalogs und Tools dazu an, die gesellschaftliche Einbettung der eigenen Forschung differenziert zu reflektieren und bietet Wissen und Richtlinien für Teams.
Fallbeispiele
Für verschiedene MINT-Disziplinen geben die Plattform Gendered Innovations (University Stanford) und sowie für die Ingenieurwissenschaften und Lebenswissenschaften die DFG Einblick in konkrete Forschung. Die Encyclopedie This is gendered verweist auf vergeschlechtlichte Gegenstände und ihre Problematiken, so auch in Technologien wie die Künstlichen Intelligenz, Kopfhörer und Gesichtserkennung. Fallbeispielen in unterschiedlichen Forschungsfeldern präsentiert auch die Geschlechterforschung in Kilden (Norwegen) in ihrer Broschüre „What is the genderdimension in research?“ sowie in folgendem Video.
Mehr Materialien finden sich hier.
Erkenntnisse der Gender Studies
Auf der Plattform Gendering MINT digital (HU Berlin) wird in Open Educational Resources (OER) ein Einblick in den Forschungs- und Lehrbereich Gender & MINT gegeben (Grundlagenwissen, Biologie, Chemie, Informatik, Mathematik, Physik, technoscientific Literacy). In den OERs sind jeweils weiterführende Literaturhinweise enthalten.
Eine erste Literaturliste zu Gender & MINT findet sich zudem hier.
Expertise
Es können Expert*innen aus den Gender Studies sowie den Science and Technology Studies beratend hinzugezogen werden, um potentielle Geschlechterdimensionen zu identifizieren. Hieraus kann zudem eine (partielle) fächerübergreifende und transdisziplinäre Forschung entstehen.
Für die TU-Braunschweig bietet GeDiMINT finanzielle Unterstützung für Gastaufenthalte und berät bei der Suche nach passenden Gender-Expert*innen.
Entwicklung geeigneter Methoden
Folgendes Video gibt einen ersten Einblick in praktische Möglichkeiten und Methoden, um Geschlechterperspektive in der Forschung zu berücksichtigen.
Für das methodische Herangehen mit Blick auf MINT-Forschung sind folgende Aspekte relevant:
Hinweise für den Einstieg
Allgemeine und spezifische Methoden werden auf der Plattform Gendered Innovations (University Stanford) weiterführend behandelt >>.
Bei den allgemeinen Hinweisen zur Einbindung von Geschlechterdimensionen in die methodischen Ansätze handelt es sich um Denkanstöße für verschiedene Stadien des Forschungsprozesses insbesondere der Planung von Projekten. Hierbei sind unter Schlagworten der Geschlechterforschung und konzeptuellen Ansätzen Fragen und Checklisten hinterlegt, die bereits bestehende methodische Ansätze beschreiben bzw. dazu genutzt werden können, um die Geschlechterdimensionen in eigenen Forschungsansätzen zu erkennen und diese gezielt zu adressieren (z.B. durch eine vielfältige Auswahl von menschlichen wie tierischen Individuen für eine Datenerhebung).
Analog finden sich hier spezifische Methoden nach Forschungsbereichen geclustert, u.a. für Machine Learning, Gewebe- und Zellforschung oder Social Robotics.
Ein Fragekatalog zur Methodenplanung findet sich im oben beschriebenen GERD-Modell unter Vorhabenbeschreibung >>.
Fallbeispiele >> können neben inhaltlichen Anknüpfungspunkten auch methodische Anregungen geben.
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Wissenschaftliche Materialien
Die wissenschaftlich fundierte Materialsammlung unterstützt bei dem Vorhaben, Geschlechterdimensionen in Forschung zu integrieren. Konkrete Beispiele anderer Einrichtungen geben Einblick in interdisziplinäre Forschungen in MINT-Disziplinen unter Berücksichtigung von Geschlechterdimensionen.
Schritte zur Strukturentwicklung
Aus dem Projekt entwickelt das Team sogenannte GeDiMINT-Transferpaper. Diese geben Einblick in Maßnahmen, die zur Verankerung von Geschlechterdimensionen in der Forschung beitragen und Forschende auf diesem Weg unterstützen. Sie haben zum Ziel, die Erkenntnisse aus dem Modellprojekt der TU Braunschweig an Akteur_innen anderer Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu vermitteln.
Das Vorhaben wird mit Mitteln des Bundesministierums für Forschung, Technologie und Raumfahrt unter dem Förderkennzeichen 01FP23G08 gefördert.
Die Verantwortung für die Inhalte liegt bei den Projektverantwortlichen.




