Intersektionaler Stadtrundgang in Braunschweig

Vier Orte, viele Perspektiven – und ein überraschender Zugang

Wie nehmen wir verschiedene Orte in der Stadt wahr – und was unterscheidet sie sowie unsere jeweilige Wahrnehmung?
Das waren die Ausgangsfragen eines intersektionalen Spaziergangs Mitte Juni 2026, den Sophie Kriegel (FU Berlin) als Lehrbeauftragte des Instituts für Anglistik und Amerikanistik angeboten hat. Das Event wurde für Interessierte geöffnet.

Die Stadt anders wahrnehmen

Bei hochsommerlichen Temperaturen von über 30 Grad machten sich die Studierenden des Seminars „Reading South African Chick-Lit to Queer the Postcolonial City“ sowie ca. ein Dutzend Wissenschaftler*innen der TU, Ostfalia und HBK auf den Weg zu vier ausgewählten Orten in der Innenstadt: der Theaterpark, die Kreuzung Georg-Eckert-Str./Bohlweg, die Schloss-Arcaden und der Kirchhof von St. Magni wurden bewusst mit Blick auf die urbanen Rhythmen und ihr Zusammenspiel mit den eigenen körperlichen Rhythmen wahrgenommen. Dabei galt es, den Zweck des gestalteten Ortes in Beziehung zum eigenen Erleben und zu den individuellen Bedürfnissen zu setzen. Das Ziel war, die eigene – auch emotional geprägte – Perspektive auf konkrete Stadt-Orte zu erkennen und dabei Unterschiede wirken zu lassen, Widersprüchlichkeiten zuzulassen und Störungsszenarien als eine Form der Arrhythmie zu ersinnen. Abschließend wurden die unterwegs gemachten Erfahrungen und Beobachtungen gemeinsamen reflektiert. Insgesamt wurden die Teilnehmenden durch Selbstreflexion für das Aufeinandertreffen unterschiedlicher städtischer Erfordernisse mit individuellen Positionierungen, die eine intersektionale Dimension haben, sensibilisiert. Dabei ging es insbesondere darum, wie Gender, Alter, Herkunft, Lebenserfahrung und weitere Faktoren unsere Wahrnehmung von Stadt prägen und z.B. dafür sorgen, dass bestimmte Orte different erlebt werden.

Theoretischer Hintergrund

Theoretisch fundiert wurde der Stadtspaziergang durch eine marxistische Herangehensweise an städtischen Raum, die durch die Arbeiten des französischen Soziologen Henri Lefebvre aus den 1950ern popularisiert wurde. Dieser Sicht folgend entsteht der städtische Raum aus einer gegenseitigen Beziehung zwischen Stadt und Gesellschaft, die sich gegenseitig formen: Ein Spielplatz wird mit Blick auf seine Nutzung geplant und lädt zum Verweilen und zum Miteinander ein, eine mehrspurige Straßenkreuzung mit Tram- und Bushaltestelle forciert ein Nebeneinanderher in konstanter Bewegung. Der städtische Raum und die Stadtgesellschaft sind so durch vielfältige Rhythmen geprägt, die normativ als Methoden der Disziplinierung funktionieren und bestehende Machtsysteme am Laufen halten und verfestigen. Dieser „kapitalistischen Eurhythmie“ (Lefebvre) kann jedoch die „Arrhythmie“ entgegengesetzt werden, die sich der kapitalistischen Stadt widersetzt und deren Normen durch bewusste Störungen unterwandert.

Aneignung als subversive Praxis

Dieses Konzept machten sich die Situationisten, ein Pariser Kunstkollektiv der 1950er und 1960er Jahre unter der Leitung von Guy Debord, zu Nutze. Sie entwickelten in Anlehnung an den Arrhythmie-Gedanken die Praxis der „Dérive“ –  das Erkunden einer Stadt durch zielloses Umherschweifen. Dies ist Teil ihrer Überlegungen zur „Psychogeographie“, letzteres definierten sie als Untersuchung des Einflusses des geographischen städtischen Raums auf die Gefühle und das Verhalten von Individuen. Dérive stellt ein selbstbestimmtes Bewegen durch den städtischen Raum dar, das nicht von Verpflichtungen, sondern von spielvoller Reflektion geleitet ist. Dadurch wird ein Bewusstsein für die eigene Position in der Stadt sowie die eigenen Beziehungen mit der Stadt kreiert. Dieses kann zur Wiederaneignung genutzt werden, in dem Sinne, dass der städtische Raum solidarische Gemeinschaft ermöglicht – im Gegensatz zu vereinzelndem Konsum und maximaler gewerblicher Produktivität.

Leseempfehlungen

Beitrag über Sophie Kriegels intersektionalen Stadtspaziergang im Blog „Medium“ von Kai Tan (Januar 2026, in English) hier

Für theoretisch Interessierte
Debord, Guy, 2006: Society of the Spectacle. Translated by Ken Knabb. London: Rebel Press

Lefebvre, Henri, 1991: The Production of Space. Translated by Donald Nicholson-Smith. Oxford: Wiley-Blackwell

Lefebvre, Henri, 2004: Rhythmanalysis: Space, Time and Everyday Life. London: Continuum

Lettrist International, 1954: “Potlatch #5.”, in: Situationist International Online

Situationist International, 1958: “Definitions.”, in: Bureau of Public Secrets. Translated by Ken Knabb, 2006, Online

Zur Lehrbeauftragten

Sophie U. Kriegel (MA) ist Doktorandin in anglistischer Literatur- und Kulturwissenschaft. Sie promoviert derzeit an der FU Berlin zum Thema „Thema: Space and Mobility in South African Literatures and Cultures“.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind
• Afrikanische Literatur
• Literatur, Film und materielle Kultur
• Mobilitätsforschung, Raumkonstruktion, literarische Kartographie
• Intersektionale Identitätskonstruktion
• Energy Humanities

Publikationen
‘Public Transport in Pre-Apartheid Literary Johannesburg: Between Progress and Oppression‘, English Studies in Africa, UNISA. In 2024, pp. 1-15.
‘Space, Mobility, and Belonging: Finding One’s Way through Pre-Apartheid Johannesburg’. Urban Mobilities in Literature and Art Activism, edited by Patricia Garcıá
and Anna-Leena Toivanen, Palgrave Macmillan, 2024, pp. 27–50.
‘Mapping Identity and Memory in Phaswane Mpe’s Welcome to Our Hillbrow’. Literary and Cultural Representations of the Hinterlands, edited by E. Kębłowska-Ławniczak et al., Routledge, 2023, pp. 39–51.

Der am Institut für Anglistik und Amerikanistik angesiedelte Lehrauftrag „Reading South African Chick-Lit to Queer the Postcolonial City“ wurde im Sommersemester 2026 vom BZG aus Studienqualitätsmitteln gefördert. Die Teilnahme am Spaziergang wurde von Sophie Kriegel für die Öffentlichkeit ermöglicht