Begutachtung – Geschlechterdimensionen im Blick

Hinweise und Materialien für Gutachtende

Forschungsfördernde Einrichtungen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Europäische Union (EU) fordern Antragstellende dazu auf, Geschlechter- und Vielfältigkeitsdimensionen ihrer Forschung zu benennen. Auch bei Einreichungen in einigen peer-reviewed Journals besonders in den Lebenswissenschaften wird eine Darlegung der Relevanz von Geschlecht verlangt. Wir nehmen im Folgenden die Gutachtenden in den Blick. Anlass hierfür ist eine entsprechende für TU-Wissenschaftler*innen geöffnete Veranstaltung aus dem Partnerprojekt „Gender Werkstatt“ der BMFTR-Förderlinie „Geschlechteraspekte im Blick (GiB)“ an der Stiftungsuniversität Hildesheim; Informationen hierzu finden Sie am Ende des Beitrags.

Anspruch an exzellente Wissenschaft

Weltweit haben große forschungsfördernde Einrichtungen begonnen, Geschlechter- und Vielfältigkeitsdimensionen als Kriterium für erfolgreiche Anträge festzulegen. In Deutschland ist dies vor allem bei der DFG systematisch verankert; eine Checkliste unterstützt Antragstellende bei der Prüfung der Relevanz von Geschlecht und Diversität. Was diese Anforderung bspw. für Anträge bei Förderlinien der EU bedeutet, beschrieb Hana Tenglerová in ihrem Vortrag während des Inspiring ERA-Events „Integrating gender and intersectionality in research: from policy to practice“ (2025). Auch die Kontaktstelle Frauen in die EU-Forschung (FiF) bietet eine Übersicht zu Genderaspekten in Horizont Europa.

Namhafte peer-reviewed Journals legen ebenfalls die Reflexion der Geschlechter- und Vielfältigkeitsdimensionen als Maßstab für Publikationen fest. Das Korea Center for Gendered Innovations for Science and Technology Research hat eine Übersicht der Anforderungen zusammengetragen, die Journals an die Einreichenden stellen.

Mit diesem Anspruch geht einher, dass auch die Begutachtung die Qualität der Berücksichtigung von Geschlechterdimensionen in Forschungsvorhaben und Publikationen einschätzen können sollte.

Leitfäden für Gutachtende

Lilian Hunt, Mathias Wullum Nielsen und Londa Schiebinger forderten bereits 2022 in einem Science-Artikel: „Fördernde Einrichtungen sollten Antragstellenden und Gutachtenden Formulare und Anweisungen zur Verfügung stellen, um die Einheitlichkeit im gesamten Forschungsprozess zu gewährleisten“ (S. 1494, eigene Übersetzung). Auch Schulungen von Gutachtenden sind laut Hunt et al. ein wichtiger Baustein: „Sex, Gender und Diversitätsaspekte sind noch nicht durchgängig Bestandteil der Lehrpläne an Universitäten in den Bereichen Physik und Biowissenschaften, Gesundheit und Biomedizin sowie Ingenieurwissenschaften. Bis die Universitäten diese Aufgabe übernehmen, müssen die Förderorganisationen diese Lücke schließen“ (ebd., eigene Übersetzung). Einige Materialien können hier weiterhelfen.

Material, dass sich dezidiert an Gutachtende von Forschungsanträgen und Publikationen richtet, um in Fragen der Geschlechterdimensionen zu unterstützten, gibt es kaum. Folgende Leitfäden bieten Anhalts- und Referenzpunkte für Artikel-Schreibende wie Begutachtende gleichermaßen: Im SAGER-Guidelines (2016) mit Fokus auf Journal-Artikel bietet insbesondere das Flowchart Orientierung und die „Guidelines for Intersectional Analysis in Science and Technology“ (GIST). Für den Bereich der Humanforschung finden sich folgende Leitfäden für Gutachtende: Die Schweizerische Vereinigung der Forschungsethikkommission swissethics bezieht sich für ihre Empfehlungen zur ethischen Begutachtung von Forschungsprojekten am Menschen auf das Humanforschungsgesetz. Das National Institutes of Health (NIH) verlangen, dass das Geschlecht als biologische Variable (SABV) in die Konzeption, Analyse und Berichterstattung einbezogen ist, wenn Wirbeltiere und Menschen beteiligt sind. Gutachtende müssen Abweichungen auf eine nachvollziehbare Begründung prüfen. Die Einbeziehung von Geschlecht als soziokulturelle Gesundheitsdeterminante fordert das Canadian Institutes of Health Reserch (CIHR) und hat entsprechende Anweisungen für Gutachtende.

Das BMFTR-geförderte Projekt „Gender-Werkstatt“ an der Universität Hildesheim ist aktuell dabei, Leitfragen zur Unterstützung von Gutachtenden zu entwickeln; diese werden im Anschluss an ihre Veranstaltung finalisiert und bei Erscheinen hier verlinkt.

Fallbeispiele, Methoden und Material zu Geschlechterdimensionen in verschiedenen Forschungsfeldern

Beispiele zur Relevanz von Geschlechterdimensionen in verschiedenen Forschungsfeldern finden sich an verschiedenen Stellen. Eine inhaltliche Übersichten bietet die Workshop-Reihe „Genderdimension in der Forschung“ der Kontaktstelle Frauen in die EU-Forschung (FiF). Diese Einblicke gehen einher mit der regelmäßigen Informierung über die Anforderungen diesbezüglich im Antragsverfahren der EU. Auf der umfangreichen Plattform Gendered Innovations der Stanford University finden sich neben zahlreichen Fallbeispielen in Natur-, Lebens-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften auch Checklisten, die sich an Forschende, Antragstellende, Projektleitungen aber auch Begutachtende richten. Zur „Diversität in Forschungsprojekten“ hat zudem die TU Graz Fallbeispiele und Methoden zusammengetragen. Das ergänzende Handbuch für Forschende in Technik und Naturwissenschaften bietet ebenfalls wertvolle Hinweise für Antragstellende und Gutachtende. Verweise auf weitere Sammlungen von Fallbeispielen finden sich in unserer GeDiMINT-Toolbox.

Zur Veranstaltung aus dem GiB-Netzwerk

Roundtable zur Berücksichtigung von Geschlechterdimensionen in der Begutachtung von Forschungsanträgen und Zeitschriftenbeiträgen: Erfahrungsaustausch mit Prof. Dr. Kerstin Palm und Prof. Dr. Alexandra Scheele

Freitag, 15.05.2026, 11-12.30 Uhr (online)

Zur Website der Veranstaltung; Teilnahmelink wird nach der Anmeldung verschickt.

Einige Fördermittelgeber wie die DFG fordern von Antragsteller*innen die Berücksichtigung von Geschlechterdimensionen in ihren Anträgen. Anders als bei der Bewertung von Gleichstellungsfragen, wie beispielsweise der Diversität innerhalb eines Forschungsteams, ist hier die inhaltliche Auseinandersetzung und Reflexion des Forschungsvorhabens notwendig. Zunehmend sind auch Gutachter*innen dazu angehalten Stellung zu nehmen und die Berücksichtigung von Geschlechterdimensionen im geplanten Forschungsvorhaben mit in die Bewertung einfließen zu lassen. Wie als Gutachter*in damit umgehen? Wie können Forschungsanträge und Paper auf Geschlechterdimensionen hin beurteilt werden? Wie können Geschlechterdimensionen beurteilt werden, wenn die Gutachtenden selbst keine Expert*innen der Geschlechterforschung sind? Wie lässt sich die Relevanz von Geschlechterdimensionen feststellen?

Der Roundtable will keine Antworten liefern, sondern einen Raum für Erfahrungsaustausch, Inspiration und Möglichkeiten öffnen. Prof. Dr. Kerstin Palm und Prof. Dr. Alexandra Scheele geben Einblicke in ihre Erfahrungen als Gutachterinnen für nationale und internationale Zeitschriften wie Feministische Studien und Gender, Work and Organization oder somatotechnics und Industrielle Beziehungen. Darüber hinaus bringen beide Expert*innen umfangreiches Wissen in der redaktionellen und herausgeberischen Tätigkeit bei der Femina Politica, dem open gender journal und der Zeitschrift für Soziologie mit.

Im Anschluss wird die Diskussion für Beiträge aus dem Publikum geöffnet. Moderiert wird die Veranstaltung von PD Dr. Elena Köster (Uni Bayreuth) und Simone Tichter (Uni Hildesheim).

Im Anschluss an die Veranstaltung wird ein Leitfaden erarbeitet, der interessierte Gutachtende bei der Integration von Geschlechterdimensionen in die Bewertung unterstützen soll. Der Leitfaden wird an alle (angemeldeten) Teilnehmenden verschickt und im Anschluss öffentlich zum Download bereitgestellt.