Rückblick auf das zweite Projektjahr
Das BMFTR-geförderte Projekt „Geschlechterdimensionen im Blick der MINT-Forschung (GeDiMINT)“ an der Technischen Universität Braunschweig blickt auf ein ereignisreiches zweites Jahr zurück. Aufbauend auf den im Auftaktjahr geschaffenen Strukturen und Formaten wurde die Verbreitung des Themas in den ingenieur-, lebens- und naturwissenschaftlichen Disziplinen intensiviert. Die drei Handlungsfelder Gender Research Support (I), Gender Dialogues (II) und Knowledge Exchange (III) bildeten dabei weiterhin das strategische Fundament, um Erkenntnisse weiterzutragen, Impulse zu setzen und Kooperationen zu stärken.
Handlungsfeld I: Beratung und Vermittlung
Das Handlungsfeld Gender Research Support umfasst sowohl Beratung und gezielte Wissensvermittlung durch kompakte Kurzinputs als auch interaktive Workshops.
Antragsberatung
Die Kooperation mit dem Forschungsservice wurde weiter ausgebaut in Bezug auf Anträge an Fördereinrichtungen wie die DFG oder EU, die eine Prüfung der Relevanz von Geschlecht einfordern. Die Antragstellenden werden hier systematisch gefragt, ob das GeDiMINT-Team beratend einbezogen werden kann. Vermittelt durch den Forschungsservice und die zentrale Gleichstellungsbeauftragte hat GeDiMINT infolge dessen fünf DFG-Anträge beraten und dafür passgenaue Textbausteine zur Verfügung gestellt.
Workshops und Wissensvermittlung
Zudem wurde für den Forschungsservice ein Workshop durchgeführt, an dem auch die analoge Stelle der Ostfalia HaW teilgenommen hat. Hierfür wurde ein zweites How-to-Papier finalisiert und den Forschungsberatungsstellen zur Verfügung gestellt.
Neu wurde eine Projektvorstellung im Prof.Programm für neuberufene Professor*innen an der TU Braunschweig fest verankert. Input- und Workshop-Angebote von GeDiMINT sind bereits seit 2024 fester Bestandteil der Early Career Programme GradTUBS und Postdoc. Die Öffnung dieser Workshop-Angebote für Teilnehmende der Universität Stuttgart (offen für alle Statusgruppen der Universität) im Rahmen des Zertifikat Gender + Diversity führte zu ersten (virtuellen) Teilnahmen im Rahmen dieser Kooperation.
GeDiMINT bietet auch Workshops auf individuelle Nachfrage an. So erfolgte beispielsweise der Kurzvortrag „How Sex and Gender Dimensions matter in Medical Informatics” am Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik. Ebenso wurde das GeDiMINT-Lunchbreak„Geschlechteraspekte in Forschungsanträgen verstehen und integrieren“ im Rahmen Programms von Stadt der Zukunft (SdZ) realisiert.
Handlungsfeld II:
GeDiMINT hat verschiedene Seed-Funding-Formate, die die Auseinandersetzung mit Geschlechterdimensionen in der eigenen Forschung honorieren. Dieses Handlungsfeld wird ergänzt von der Vortragsreihe „Forschung im Dialog“, bei der regelmäßig Vorträge und Austauschformate zu diversen Forschungsthemen und -disziplinen angeboten werden.
Seed Funding: Forschungsimpulse
Seit dem 01. Juni 2025 wurden drei Projekte mit einer Summe von insgesamt 38.700€für rund fünf Monate finanziert. Dies waren 1. DOLPHIN – Diversitätsorientierte Optimierung von Legal- und Prüfstandards für Homologation und Inklusion (Institut für Rechtswissenschaften & Institut für Intermodale Transport- und Logistiksysteme), 2. Diversity in Immersive Learning: How Sex, Gender, and Identity Shape Virtual Reality Use in Learning and Engagement (Institute for Sustainable Urbanism & Institut für Erziehungswissenschaften) und 3. IUSC – Inclusive Urban Science Collective (Urban Climate Future Lab & Institute for Sustainable Urbanism). Weitere Informationen zu den Forschungsimpulsen sind hier zu finden.
Seed Funding: Gastaufenthalte
2025 fand die zweite Finanzierungsrunde von Gastaufenthalte an der TU Braunschweig statt (Ausschreibung Researcher in Residence). Es wurden drei Aufenthalte realisiert:
1. Makalay Saidiatu Sonda von der Njala University in Sierra Leone besuchte für vier Wochen Jun.-Prof. Dr. Henriette Bertram (Gender.Ing, Institut für Bauklimatik und Energie der Architektur, Fakultät 3).
2. Prof.’in Dr. Antje Schwalb (Institut für Geosysteme und Bioindikation, Fakultät 3) lud Cirenyangzong – Professorin für Humangeographie und Ethnologie von der Tibet University in Lhasa – ein.
3. Ende des Jahres besuchte Sabine Riss aus Wien Bernard Ax (Leiter des Instituts für Entwerfen und Raumkomposition, Fakultät 3).
Seed Funding: Sachpreis Promotion
Erstmalig wurde im Dezember der mit 2.000€ dotierter Sachpreis „Gender & Diversity in MINT“ für das Jahr 2026 ausgeschrieben (Ausschreibung GeDiMINT-Sachpreis). Mit ihm werden herausragende Promotions- oder Masterarbeiten aus oder über MINT-Disziplinen gewürdigt, die Geschlechter- und Vielfältigkeitsdimensionen auf wissenschaftlich fundierter Weise in den Blick nehmen. Einreichungsfrist ist der 1. Mail und die Preisverleihung findet im Juni 2026 statt.
Gender Dialogues
In 2025 fanden fünf Vorträge im Rahmen der Reihe „Forschung im Dialog“ statt. Aus den drei vorangestellten Gastaufenthalten resultierten drei dieser Vorträge. Außerdem hielt Prof. Dr. Carmen Leicht-Scholten von der RWTH Aachen einen Vortrag „Gendering STEM: Gender als Analysekategorie für sozial verantwortliche Forschung und Entwicklung in den Technikwissenschaften“, indem sie aus Erkenntnissen und Projekten ihrer Brückenprofessur Gender und Diversity in den Ingenieurwissenschaften (GDI) berichtete.
Ein Highlight war der Vortrag von Dr. Evelina Wikner (Assistant Professor, Electric Power Engineering an der Chalmers University, Schweden) mit dem Thema „Nuances of Driving Dynamics: Exploring Gender Differences and Technological Implications”. Vorgestellt wurden Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt, in dem der Zusammenhang von nach Geschlecht ausgewerteten Fahrverhalten auf den Alterungsprozessen von Autobatterien erforscht wurde, was wiederum Auswirkungen auf sinnvolle Designs hat. Diese Veranstaltung fand in Kooperation mit Prof. Dr. Eckart Voigts, Battery LabFactory und Prof. Dr.-Ing. Michael Kurrat, elenia statt.
Erste Evaluationsergebnisse
Insgesamt lässt sich festhalten, dass bislang 124 Wissenschaftler*innen aller sechs Fakultäten der TU Braunschweig an GeDiMINT-Angeboten teilgenommen haben. Unterschiedlichste Institute – vom Institut für Halbleitertechnik bis hin zum Institut für Angewandte Mechanik oder dem Institut für Anglistik und Amerikanistik – sind hier zu nennen. Knapp ein Drittel (29,13 Prozent) der TU-Mitarbeitenden haben zwei oder mehr GeDiMINT-Angeboten wahrgenommen. Dies verdeutlicht, dass GeDiMINT nicht nur auf Resonanz innerhalb der TU Braunschweig stößt, sondern das Interesse an allen Fakultäten existiert und auch mittel- bis längerfristig besteht. Durch die teilweise hybrid bzw. digital stattfindenden Formate hat das Projekt zusätzlich rund 200 Personen außerhalb der TU Braunschweig erreicht.
Erfreulich ist auch der Blick auf die Veranstaltungsevaluationen: Die Rückmeldungen zur Zufriedenheit mit der jeweiligen Veranstaltung ist überdurchschnittlich positiv (M=4,63; SD=0,54; fünfstufige Likert-Skala; n=104). Es wird bspw. angemerkt, dass die Veranstaltungen zur Reflexion der eigenen Arbeit inspiriert und wertvolle Impulse für interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie künftige Forschungsfragen und Förderanträge liefert: „Konkrete Forschungsbeispiele illustrierten die vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten“ (FB04_08). Weitere Stimmen sehen den Mehrwert von GeDiMINT-Veranstaltungen darin, dass ein vertieftes Verständnis für die Berücksichtigung von Geschlechter- und Vielfältigkeitsdimensionen jenseits binärer Konzepte in den ingenieur-, lebens- und naturwissenschaftlichen Disziplinen vermittelt wurde. Dieser Mehrwert soll auf der Tagung 2026 weiter aufgegriffen werden. So wird GeDiMINT in seinem Vorhaben bestärkt, auch künftig Themen bedarfsorientiert und disziplinspezifisch auszurichten.
Handlungsfeld III:
TU-Netzwerk und Implementierung
Neben Kontakten zu einzelnen Forschenden nimmt das Team an Veranstaltungen, Exkursionen etc. in der TU Braunschweig teil, um sich zu vernetzen und das Projekt bekannt zu machen. Gleichzeitig wurden bestehende Kontakte intensiviert und strukturelle Implementierungsmaßnahmen umgesetzt.
Exkursionen: Die offenen Türen der Campus Expeditions bei der CampusXperience und die durch Stadt der Zukunft organisierten Exkursionen zur Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) sowie an das Institut für Hochspannungstechnik und Energiesysteme haben Einblicke in verschiedene Institute ermöglicht. Die Kontaktaufnahme zu einzelnen Forschenden hat u.a. zu einer Kooperation mit der Battery LabFactory (BLB) (s. oben FiD 3) geführt sowie einen Kurzvortrag am Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik (s. oben Workshops und Wissensvermittlung) initiiert. Im Forschungsschwerpunkt Stadt der Zukunft wurden verschiedene Aktivitäten entwickelt, um GeDiMINT dort zu verankern (Vorstellung in Vorstandsitzung, Beitragsreihe im Newsletter, Impulsvortrag für Antragstellungen).
Vernetzung und Transfer
GeDiMINT wirkte über die TU Braunschweig hinaus und konnte seine Erfahrungen zusammen mit den anderen Projekten der BMFTR-Förderrichtlinie „Geschlechteraspekte im Blick (GiB)“ reflektieren; über das GiB-Netzwerk findet ein Austausch verschiedener Hochschulen statt. Das GiB-Vernetzungstreffen in Hildesheim im Oktober ermöglichte einen intensiven Austausch und die Entwicklung gemeinsamer Aktivitäten, u.a. geplanter Publikationen.
Zudem haben sich sieben der elf BMFTR-geförderten GiB-Projekte im Rahmen der von GeDiMINT organisierten und online stattgefundenen GiB-Transferveranstaltung ihr jeweiliges Projekt mit Blick auf Erkenntnisse und good-practice-Beispiele den rund 45 Teilnehmenden vorgestellt.
Mit einem Fokus auf den externen Transfer ist zusätzlich der Open Access Tagungsbandbeitrag „Wie Geschlechterforschung zu Innovativ – Exzellent – Sichtbar beiträgt“ (S. 118 ff im Tagungsband „Innovativ – Exzellent – Sichtbar“ zur meta-IFiF-Fachtagung im März 2025) zu nennen, der in Kooperation mit dem Bayreuther Projekt „Gender Offensive Forschung (Go Forschung)“ veröffentlicht wurde.
Durch die Kooperation mit der Ostfalia HaW ergaben sich erste Kontakte in die Forschung, zunächst v.a. zum Projekt „RemoteLabs | MR-Labore für besondere Lebenssituationen“. In einem Workshop wurden gemeinsam relevante Geschlechter- und Vielfältigkeitsdimensionen mit Blick auf die Fragestellungen des Projekts diskutiert.

