Sexualität und sexualisierte Körper im Sportunterricht

Zur aktuellen Forschung von Dr. Nicola Böhlke

(c) Nicola Böhlke

„Ist es ok, wenn man die Brustwarzen durch das Sportshirt  sieht?“ – „Hilfe! Meine Sportlehrerin hat mir beim Turnen an den Po gefasst!“
Der Sportunterricht an Schulen rückt den Körper von Schüler*innen in den Fokus und damit unweigerlich Aspekte von Sexualität. Für bisher wenig beachtete Handlungssituationen des Sportunterrichts ist nun ein Flyer für Sportlehrkräfte erschienen, der ein Produkt der Forschung von Nicola Böhlke (TU Braunschweig) und Benjamin Zander (Georg-August-Universität Göttingen) ist und vom Braunschweiger Zentrum für Gender Studies (BZG) durch Mittel für eine studentische Hilfskraftstelle gefördert wurde.

Sexualitätsdimensionen des Sportunterrichts im Fokus

Der entstandene Flyer ist Teil des Projekts „Sexualität im Sportunterricht. Empirische Untersuchungen und pädagogische Empfehlungen“, das von Januar 2020 bis Dezember 2022 unter der Projektleitung von Nicola Böhlke und Benjamin Zander läuft. Das Gesamtprojekt geht der Fragestellung nach, wie sich die Sexualität von Schüler*innen im Sportunterricht als ein Phänomen konstituiert.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass die Sexualität von Schüler*innen im Sportunterricht als ein diskursives Phänomen facettenreich ist: Gebunden an Themen wie Kleidung, Körpernähe oder Koedukation wird es als hierarchisches Geschehen in der Interaktion von Lehrer*innen und Schüler*innen, als emotionales Geschehen in Verbindung mit Scham, Ekel, Neugierde oder Lust, aber auch als alltägliches wie omnipräsentes Geschehen in der Interaktion zwischen Schüler*innen kontextualisiert. In einer differenzierten Beschreibung des Phänomens werden themenübergreifende zentrale Ursachen (insbesondere die starke Normierung des Phänomens), Konsequenzen (u.a. soziale Verurteilungen als Folge von Verhaltensweisen, durch die sich andere belästigt fühlen) und Strategien des Umgangs mit Sexualität (z.B. Verstecken der Erektion bzw. der Brüste) herausstellt. Auf Basis der Phänomenbeschreibung wird die Sexualität von Schüler*innen als ein Drahtseilakt deutlich, der darin besteht, teils divergierende Normen gekonnt auszutarieren.

Die Ergebnisse resultieren u.a. aus einer qualitativen Diskursanalyse, die sich auf Onlineforen stützt und Datenmaterial aus dem Zeitraum 2007-2021 berücksichtigt. Die Befunde wurden mit den Kodierverfahren der Grounded Theory herausgearbeitet.

Sexualität im Sportunterricht – ein vernachlässigtes Thema

Forschungen zur Sexualität von Schüler*innen verweisen auf die Existenz von bislang in der Sport- und Sexualpädagogik wenig beachteten Handlungssituationen des Sportunterrichts, wie z.B. Möglichkeiten des Flirtens, der körperlichen Selbstinszenierung und des Berührens des Körpers anderer (Böhlke/ Zander 2021).

Sexualität im Sportunterricht ist thematisch facettenreich sowie hochgradig normativ aufgeladen. Es liegen zwar fächerübergreifende Ausführungen zum Umgang mit Sexualität in der Schule vor, jedoch fehlen bislang Handlungsmaßnahmen für den Sportunterricht, die den fachspezifischen Besonderheiten, wie einer erhöhten Körperfokussierung und Intimität, Rechnung tragen können.

Flyer: „Sexualität und sexualisierte Körper im Sportunterricht. Ein Thema für jede Sportlehrkraft!“

Der erarbeitete Flyer dient der sexualpädagogischen Arbeit mit Schüler*innen im Sportunterricht und richtet sich vor allem an Sportlehrkräfte. Die im Flyer aufgezeigten fachdidaktischen Perspektiven wurden auf Basis der oben skizzierten eigenen empirischen Untersuchungen und durch systematische Literaturrecherchen zur Thematik entwickelt. Zielperspektiven waren die Sensibilisierung von Sportlehrkräften für eine für Schüler*innen hochrelevante Thematik sowie die Vermittlung von (situationsbezogenen) Handlungsmaßnahmen zur Förderung sexueller Gesundheit, sexueller Bildung und zur Prävention sexueller Grenzüberschreitungen.

Der kürzlich erschienene Flyer ist hier abrufbar und gleichfalls bei ResearchGate mit einem ausführlicheren Abstract eingestellt.

Zur Person

Dr. Nicola Böhlke

Technische Universität Braunschweig
Institut für Sportwissenschaft und Bewegungspädagogik
Pockelsstr. 11
38106 Braunschweig
Mail: n.boehlke@tu-braunschweig.de

Forschungs- und Lehrschwerpunkte: Diversität im Kontext von Sport und Bewegung; Sexualität im (Schul-)Sport; (Körper-)Scham im (Schul-)Sport, Qualitative Forschungsmethoden

Seit 2018 ist Nicola Böhlke Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post-Doc) bzw. Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Sportwissenschaft und Bewegungspädagogik an der TU Braunschweig und seit 2019 Mitglied des Braunschweiger Netzwerks für Gender Studies.

Weitere Literatur (Auswahl)

Böhlke, Nicola/Müller, Johannes (2022): Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im Sportunterricht: Rekonstruktionen der Handlungs- und Begründungsmuster von Sportlehrkräften. In: Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge. 62. Jg. H. 2, 114–134.

Müller, Johannes/ Böhlke, Nicola (2022): “I somehow had the feeling that I did not belong there” – Experiences of Gay and Lesbian Recreational Athletes in German Sports Clubs. In: International Journal of the Sociology of Leisure. Online verfügbar hier.

Müller, Johannes/Böhlke, Nicola (2021): Physical Education from LGBTQ+ Students’ Perspective. A Systematic Review of Qualitative Studies. In: Physical Education and Sport Pedagogy. Online verfügbar hier.

Böhlke, Nicola/ Zander, Benjamin (2021): Sexualität von Schüler*innen im Sportunterricht. Ergebnisse einer Diskursanalyse in Onlineforen. In: German Journal of Exercise and Sport Research. Online verfügbar hier.

Böhlke, Nicola/ Müller, Johannes (2020): „Man muss sich nicht verstecken oder erklären. Es ist einfach unkompliziert“ – Sporterfahrungen und Motivlagen von Mitgliedern eines queeren (LGBTI*) Sportvereins. In: Sport und Gesellschaft. 17. Jg. H. 2, 121-151.